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Konstanztinopel
Ein Kunst am Bau Projekt an der HTGW Hochschule Konstanz
Neubau Seminargebäude II




 
Daten       Dimension Vordach: 4,5 x 23 x 7 m | Dimension Bild: 122 m² | Material: Acrylfarbe, Pigmenttinte auf Beton | Auftraggeber: Land Baden-Württemberg | Realisierung: 2017

Konstanztinopel       Konstanz und Konstantinopel haben vermutlich beide ihren Namen nach der Familie des römischen Kaisers Konstantin erhalten. Aber nicht nur die Namensgebung verbindet die Städte. Konstantinopel, das heutige Istanbul liegt an der Meerenge des Bosporus. Vom Schwarzen Meer gelangt man durch den Bosporus in das Marmarameer, von dort in die Enge der Dardanellen, um schliesslich in die Ägäis des Mittelmeers zu münden. Die Lage von Konstanz ist sehr ähnlich, wenngleich kleiner. Der Rhein fliesst als Alpenrhein in den Bodensee, der sich bei Konstanz stark verengt und zum Seerhein wird. Danach vergrössert sich der Seerhein zum Untersee, aus dem dann der Hochrhein weiter seinen Lauf nimmt zum Meer. An solchen geographischen Verengungen mit verwinkelten Land-Wasser-Kombinationen haben sich sehr früh Niederlassungen gebildet, weil hier die Wasser- und Landwege und damit der Handel komprimiert wurde.

Modell       Man kann die räumliche Lage von Konstanz nicht nur als vergleichsweise klein, sondern auch als modellhaft verstehen. Das Gebäude wird von den Wirtschaftswissenschaften genutzt werden. In diesen Wissenschaften arbeitet man sehr viel mit Modellen. Der künstlerische Entwurf macht auf die Modellsituation von Konstanz für die Wirtschaftswissenschaften aufmerksam, auch gerade hinsichtlich seiner besonderen Lage und der daraus resultierenden Geschichte des Handels und der der Ökonomie. Dieses modellhafte Verständnis der Stadt, welches das Kunstwerk thematisiert, verweist auf ähnliche, grössere, sogar globale geographische Situationen, die darum zu Handelszentren wurden. Auch wurden an solchen strategischen Orten schon früh Abgaben, Steuern und Zölle erhoben, die den Handel regulierten und dadurch ein anhaltendes Wirtschaften ermöglichten. Dieser Faden wird in dem künstlerischen Entwurf aufgenommen hinsichtlich der Wirtschaftsstudiengänge und insbesondere der Handhabung der Regularien für ein Wirtschaften durch das Fach des Wirtschaftsrechts.

Lage       Der Neubau des Seminargebäudes II der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Gestaltung liegt direkt an an dieser Wasserverengung des Rheins. Steht man im Foyer, liegt genau hinter dem Gebäude der sogenannte Seerhein. Im Eingangsbereich mit Blickrichtung zum Seerhein wurde das Kunstwerk realisiert. Im Gebäude werden wirtschaftswissenschaftliche Fächer unterrichtet.

Unterwasserperspektive       Im Bild wird in Bezug zu dem Fluss hinter dem Haus das gesamte Foyer selbst als Flussbett verstanden. Demgemäss stünde man gleich einem Taucher im Wasser auf dem Grund des Flusses. Blickt man nach oben, sieht man Bote von unten. Das grünliche Wasser verweist auf die alpennähe des Rheins, der hinter dem Gebäude von rechts nach links fliest. Zwei grosse Seile ragen herab zu dem Betrachter unter Wasser. Dieser ungewohnte Blick soll das wissenschaftliche Forschen dazu anregen, aufgrund einer Modellsituation ungewohnte, neue Perspektiven einzunehmen.

Vogelperspektive       Gleichzeitig scheint sich der Blick gedreht zu haben und man nimmt das Grün des Wasser nicht mehr als “Taucher” von unten wahr, sondern als Wasseroberfläche aus einer Vogelperspektive. Auf diesem Wasser sieht man grosse Handelsschiffe mit Gütern und Containern die Wasserenge befahren. Diese Perspektive ist einem zunächst vertrauter. Allerdings ist es ungewöhnlich eine Vogelperspektive an der Decke über einem zu sehen. Auch hier regt das Kunstwerk an, neue Perspektiven einzunehmen.

Abgleiten       Das Deckenbild scheint seine Bildfläche unter dem Vordach zu verlassen, um entlang der Flussrichtung von rechts nach links auf die senkrecht stehende Wand abzugleiten. Durch das Abgleiten des Bildes nach links unten kippt auch entsprechend die gesamte Motivlage im Bild.

Raumbild       Geht man dem Gebäude entgegen, sieht man zunächst fast nur den Teil des Bildes auf der Wand. Den Teil auf der Decke kann man nur schemenhaft erkennen. Beides bildet von Weitem einen Attraktor, durch den man sich dem Foyer nähert. Kommt man heran, erkennt man durch den steiler werdenden Winkel das Bild an der Decke immer deutlicher.
 
Bildraum       Durch die Länge des Bildes und seiner Position auf Decke und Wand öffnen sich je nach Standpunkt immer neue Perspektiven sowohl in der Position des Bildes als auch in der Binnenstruktur der Bildmotive. Es gibt “optimale Standpunkte”, bei denen je zwei der über Decke und Wand fortlaufenden Bildkanten als eine Gerade erscheinen. Fixiert man unentwegt ein bestimmtes Motiv auf dem Bild und bewegt sich gleichzeitig ohne den Blick abzuwenden, beginnen sich alle Motive auf dem Bild zu bewegen.

Digitalität       Die digitale Struktur der bildnerischen Vorlage wird deutlich erkennbar gemacht. Pixelstrukturen und Vektorisierungen werden je nach Abstand deutlich sichtbar, wodurch das Motiv in seine Teile zerfällt und sich als digitale Struktur zeigt. Damit ist angedeutet, dass die Generationen, die durch diese Hochschule gehen werden bereits „Digital Natives“ sind. Die Bildsprache dieser Generation wird aufgenommen und ihre scheinbare Oberfläche in Frage gestellt. Dadurch wird verdeutlicht, dass den digitalen Oberflächen Strukturen zu Grunde liegen, auf die man Einfluss nehmen kann, weil sie gerade nicht die Glätte haben, an der man so leicht abrutscht in einen passiven Bildkonsum.

Malerei       Bereits unter diese Transferschicht und im Anschluss auch darüber wurde manuell mit konventioneller Farbe gemalt. So ist es möglich digitale Grafik und manuelle Malerei in ganz neuer Weise zu kombinieren. Aufgrund des durchsichtigen Farbauftrags der analogen und digitalen Schichten addieren sich die Farbwirkungen zu einer lasierenden Malerei.

Zeit       Die Betonoberfläche wurde zunächst bemalt. Darüber ist die digitale Struktur mittels eines selbst entwickelten Verfahrens auf die Bildfläche transferiert. Übertragungsfehler des Transfers wurden dabei hinsichtlich ihrer Lage, Form und Intensität kontrolliert ins Bild eingelassen. Diese „Fehler“ geben der Malerei den Eindruck einer sofortigen Patina. Das Aufrufen einer digitalen Struktur, in die sich bereits durch eine Patina der Verlauf der Zeit eingeschrieben hat, also gleichzeitig eine zukünftige Struktur im Vergehen gezeigt wird, führt zum Eindruck einer Zeitirritation. Darin wird die Gegenwart als zukünftig wahrgenommen, von der aus ein Blick in die digitalen Vergangenheit reicht, zu einer Zeit in der wir gegenwärtig leben.


Herzlichen Dank für die Mitarbeit und fachliche Beratung       Patricia Bucher (Künstlerin) | Ben Gräbner (Künstler) | Thomas Zirlewagen (Restaurator)
Herzlichen Dank für die Mitarbeit       Clare Goodwin | Samet Köklü | Cristoforo Marrazzo | Peter Jakob Marx | Holger Mühlleitner | Sophia Sadzakov | Jake Taylor | Elisa Werner
Herzlichen Dank       Jacques Dibling und Team (Hängung) | Doris Dietzen (Amt Konstanz) | Norbert Müller (Amt Konstanz) | Dunja und Nicole Niedermüller | Christine Schädler (Architektin) | Robert Walker (Bauleitung) | Dirk und Mike (Wache)


Mit freundlicher Unterstützung       Centralstation Berlin | Kremer Pigmente | Lascaux Farben | Marcron GmbH